Residenz 2026/27
Künstlerische Position
Künstlerische Position des Residenzjahres 2026/27 ist Antje Schiffers.
Antje Schiffers gehört zu den bedeutenden deutschen Gegenwartskünstlerinnen im Bereich der partizipativen und forschenden Kunst. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei, Film, Archiv, Reise, Gespräch und sozialer Praxis. Im Zentrum ihrer künstlerischen Forschung stehen ländliche Räume, Landwirtschaft, Arbeit und die Frage, wie gesellschaftliche Wirklichkeit mit Mitteln der Kunst sichtbar gemacht werden kann. Dabei interessiert sie sich für die Beziehungen, Geschichten und Produktionsbedingungen, die hinter den Menschen und Orten stehen.
Schiffers versteht Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Prozess gemeinsamer Wissensproduktion. Ihre Projekte entstehen häufig über lange Zeiträume hinweg und basieren auf direktem Austausch mit Menschen vor Ort. Sie reist, beobachtet, arbeitet mit Beteiligten zusammen und entwickelt daraus Gemälde, Filme, Installationen oder Archive. Entscheidend ist dabei, dass die Menschen, mit denen sie arbeitet, nicht nur Motive ihrer Kunst sind, sondern selbst aktiv an der Entstehung beteiligt werden.
Besonders bekannt wurde Antje Schiffers durch ihr Langzeitprojekt „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“, das sie seit dem Jahr 2000 entwickelt. In diesem Projekt reist sie zu landwirtschaftlichen Betrieben in unterschiedlichen Ländern Europas. Dort bietet sie den Landwirtinnen und Landwirten einen Austausch an: Sie malt ein Bild ihres Hofes, im Gegenzug drehen die Bauern selbst einen Film über ihre Arbeit und ihren Alltag. Die Gemälde verbleiben anschließend auf den Höfen, während die Filme Teil eines wachsenden Archivs europäischer Landwirtschaft werden.
Diese Arbeitsweise zeigt exemplarisch, woran Schiffers forscht: Sie untersucht, wie Bildern entstehen, wer sie produziert und welche Stimmen in gesellschaftlichen Erzählungen sichtbar werden. Indem die Beteiligten ihre eigenen Perspektiven dokumentieren, verschiebt sie bewusst die klassische Rollenverteilung zwischen Künstler und „Objekt“. Dadurch entsteht keine distanzierte Dokumentation, sondern eine vielstimmige Form gemeinsamer Erzählung.
Auch in jüngeren Projekten erweitert Schiffers ihre Forschung auf Fragen globaler Produktions- und Materialgeschichten. In der Ausstellung „Soda | Linsen | Fluff“ im Bauhaus Museum Dessau untersuchte sie gemeinsam mit ihrem Partner Thomas Sprenger industrielle Rohstoffe, Handelsbeziehungen und Produktionsorte. Dabei verband sie Reisen, Gespräche, Zeichnungen und Installationen zu einer künstlerischen Form der Feldforschung, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge sichtbar macht.
Antje Schiffers ist im Feld der sozial engagierten und partizipativen Kunst zu verorten. Ihre Projekte verbinden ästhetische Praxis mit Methoden, die an Ethnografie, Oral History oder sozialwissenschaftliche Feldforschung erinnern. Allerdings produziert Schiffers keine Forschung im klassischen akademischen Sinn. Stattdessen nutzt sie künstlerische Verfahren, um gesellschaftliche Wirklichkeiten erfahrbar, sichtbar und diskutierbar zu machen. Erkenntnis entsteht bei ihr nicht primär durch Distanz und Analyse, sondern durch Begegnung, Zusammenarbeit und gemeinsame Produktion.
Gerade darin liegt die besondere Relevanz ihrer Arbeit für die Universität Siegen und das AIR-Stipendium. Antje Schiffers verbindet künstlerische Praxis mit gesellschaftlicher Forschung und entwickelt Projekte, die regionale Lebenswelten, Arbeitsrealitäten und soziale Strukturen sichtbar machen. Ihre Arbeitsweise eröffnet neue Formen des Austauschs zwischen Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit und passt damit in besonderer Weise zum interdisziplinären Profil der Universität Siegen. Als AIR-Künstlerin der Universität Siegen wird Antje Schiffers in den Jahren 2026/2027 ein größeres künstlerisches Forschungsprojekt in der Region realisieren. Im Mittelpunkt werden dabei erneut Fragen nach Arbeit, regionaler Identität, gesellschaftlichem Wandel und gemeinschaftlicher Wissensproduktion stehen. Durch ihre langfristige, dialogische Arbeitsweise bringt Schiffers Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zusammen und schafft Räume, in denen Kunst nicht nur betrachtet, sondern gemeinsam entwickelt und erfahrbar wird. Damit setzt das AIR-Stipendium bewusst auf eine Künstlerin, deren Arbeit exemplarisch für die Verbindung von künstlerischer Forschung, gesellschaftlicher Teilhabe und regionaler Verankerung steht.

Weitere Informationen: https://antjeschiffers.de/
Jurybegründung
Begründung der Fachjury für Antje Schiffers:
Bei der dritten Auswahl des Künstler:innenprogramms der Universität Siegen in Kooperation mit
dem Museum für Gegenwartskunst Siegen zeigt sich die Jury beeindruckt von der
Auseinandersetzung mit der Stadt und den Zielen von „Artist in Residence Siegen“. Die
eingereichten Konzepte bestätigen die Bedeutung und das Interesse der Künstler:innen an einem
lebendigen Austausch zwischen Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit.
Die Jury überzeugte der Projektvorschlag von Antje Schiffers auf besondere Weise, so der Direktor
des MGKSiegen Thomas Thiel. „Denn seit über 25 Jahren verfolgt Antje Schiffers mit großer
Konsequenz einen künstlerischen Ansatz, in dessen Zentrum die Begegnung und der Austausch mit
Menschen steht. Dabei spielen Gastfreundschaft und gemeinsame Feste eine besondere Rolle.“
Schiffers versteht Kunst nicht als abgeschlossenes Werk, sondern als Prozess gemeinsamer
Wissensproduktion. Ihre Projekte entstehen häufig über lange Zeiträume hinweg und basieren auf
direktem Austausch mit Menschen vor Ort. Reisen, Beobachtungen und Gespräche bilden die
Grundlage für Gemälde, Filme, Installationen oder Archive. Die Beteiligten werden dabei nicht nur
Gegenstand ihrer Arbeiten, sondern aktiv in deren Entstehung einbezogen.
Mitglieder des internationalen externen Beirates für das Residenzjahr 2026/27 in alphabetischer Reihung:
Ellen Blumenstein
Ehemalige Kuratorin der HafenCity und Modellprojekt Imagine the City in Hamburg
Prof. Dr. Joseph Imorde
Professor für Theorie und Geschichte, Weißensee Kunsthochschule Berlin
Prof. Dr. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung
Intendant am Haus der Kulturen der Welt (HKW), Berlin
Britta Peters
Künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr, Bochum
Dr. Eva Schmidt
Kuratorin und Autorin, ehemalige Direktorin des Museums für Gegenwartskunst Siegen
Joanna Warsza
Kuratorin für bildende Kunst im öffentlichen Raum, Senior Lecturer am CuratorLab an der Konstfack in Stockholm
Axel Wieder
Direktor Bergen Kunsthall, Norwegen
Mitglieder der Fachjury für das Residenzjahr 2026/27 in alphabetischer Reihung:
Prof. Mariana Castillo Deball
Professorin für Bildhauerei, Kunstakademie Münster
Jennifer Cierlitza
Geschäftsführerin und Kuratorin Kunstverein Siegen e.V.
Prof. Dr. phil. habil. Eva von Engelberg
Professorin für Architekturgeschichte, Fach Architektur der Fakultät Bildung, Architektur, Künste, Universität Siegen
Prof. Uschi Huber
Professorin für Fotografie, Fach Kunst der Fakultät Bildung, Architektur, Künste, Universität Siegen
Dr. Karin Kolb
Direktorin des Siegerlandmuseums am Oberen Schloss, Siegen
Thomas Thiel
Direktor und Geschäftsführer des Museums für Gegenwartskunst Siegen
